Ki oder Fotografie?

Es ist eine leidige Diskussion. Und auch wir Fotografen können ihr schlecht aus dem Weg gehen. Also wollen wir versuchen, uns dem Thema zumindest hier einmal kurz zu stellen. Immer wieder hören wir an den verschiedensten Ecken: “Wer braucht denn heutzutage noch einen Fotografen?” Die Frage kann nachwirken, obwohl sie in meinen Augen ungerechtfertigt ist. Verändert sich die Gesellschaft, ändern sich auch Berufe. Das ist allen bekannt. Heutzutage braucht keiner mehr einen Lichtschläger, die Laternen in den Städten sind mittlerweile elektrisch, und auch besitzt heutzutage jeder einen Wecker, um die Uhrzeit abzulesen und auch wird es vermutlich nirgendwo auf der Welt mehr als Telefonist arbeiten, um Telefonate anzumelden. Ich könnte mir vorstellen, dass es zu der Zeit des Wandels in jeder Berufsgruppe einen ängstlichen Aufschrei und Protest gegeben hat, den die Zeit jedoch innerhalb weniger Jahre niederschlagen konnte, weil man einsehen musste, dass man den Fortschritt nicht aufhalten kann. Also ja, es wird berufliche Zweige geben, die durch den Einsatz von KI entweder teilweise oder ganz ersetzt werden können. Das mag für die Betroffenen schmerzlich sein, aber es bringt die Gesellschaft in der Entwicklung einfach weiter vorwärts und damit hat diese Veränderung ihre Berechtigung. In der Kulturszene wird es wahrscheinlich den offiziell stärksten zu bemerkenden Effekt haben. Betrachten wir kurz andere Kulturformen abseits der Fotografie. Musik zum Beispiel. Auf der Streamingplattform “Deezer” sind mittlerweile beinahe 50% der zu hörenden Songs KI-generierte Inhalte. Das macht per se einen Song erst einmal nicht schlecht. Auch KI-Songs können gute Lieder sein. In der Regel sind sie verdammt gut produziert. Und das sage ich als Musiker, der in punkto Songproduktion weit, weit hinter der Qualität von KI-Songs zurückliegt. Dafür hört man meinen Songs an, dass sie echt sind. Sie haben Produktionsfehler, sie haben Ecken und Kanten. Und der größte Vorteil ist, sie können live vom Künstler reproduziert werden. Gibt es von einem Produktionsteam ausschließlich nur KI-Songs, ohne ein Live-Erlebnis möglich machen zu können, weil der vorgegebene Interpret nie auf einer Bühne stehen kann; mache ich mir eigentlich keine Sorgen. Das, was ein Musikerlebnis ausmacht, kann zum jetzigen Zeitpunkt keine KI erreichen. Ehrlich erlebte Geschichten, in Songs gepackt, die sich beim Live-spielen auf das Publikum übertragen, ist das, was die Musik immer schon ausgemacht hat und dabei ist es egal, wie perfekt oder unperfekt etwas ist, am Ende soll es echt sein und das sind eben nur wir Menschen. Schauen wir noch kurz auf die Filmbranche. Synchronsprecher, VFX-Artists, Drehbuchautoren, ja sogar Schauspieler bangen derzeit um ihre Jobs. Ich schätze, dass viele von ihnen innerhalb der nächsten Jahre ersetzt werden. Das ist für die Betroffenen höchst bedauerlich, aber das ist der Wandel der Zeit. Von allen anderen Seiten aus betrachtet, ergibt es ausschließlich Sinn. Für die Filmstudios werden die Produktionskosten niedriger, das heißt, man hat mehr Geld für Entwicklung und auch für “kleinere” Projekte und muss nicht zwingen einen enormen Millionenbetrag wieder einspielen. Kleinen Filmemachern mit Visionen aber ohne die passenden Ressourcen stehen nun alle Türen offen und das ist ausschließlich eine Chance. Denkt man die gesamte Sache vom Publikum aus, so hat das Publikum die alleinige Entscheidungsmacht. Floppen Filme, die übermäßig KI-generiert sind, werden entweder keine mehr produziert oder man schraubt die Qualität mit enormem Einsatz nach oben, bis sie eben doch Gefallen finden. Es wird immer eine Gruppe geben, die auf handgemachte Qualität Wert legt. Nicht umsonst gibt es zum Beispiel Filmkunstkinos. Nicht umsonst ist die Schallplatte wieder so beliebt oder Kunstausstellungen, bei denen der Künstler anwesend ist. Der Konsum dieser besonderen Dinge bleibt immer erhalten, die Wertschätzung wird zunehmen, die Kunden werden loyaler, der Preis womöglich etwas teurer, aber das ganze ein bewusstes Erlebnis. Klingt für mich ehrlich gesagt nicht als Rückschritt.
Betrachtet man den Sachverhalt vom Kunden aus, so kann das Erlebnis nur verbessert werden. Fiktive Welten werden noch komplexer und den Besucher überraschen, (bis er der Überladung wieder müde ist, und man eine Rückbesinnung auf die Einfachheit fordert.) Folgende Aussage wird hart klingen, aber wäre ich Filmemacher, und könnte die Stimme meiner Schauspieler im Schnitt in andere Sprachen übersetzen und auch die Lippenbewegung an diese Zielsprache anpassen, warum sollte ich lokale Synchronsprecher beauftragen, die die Aussage einzelner Sätze nur durch eine falsche Betonung in eine ganz andere Richtung drehen können. Die Gefahr der Verfälschung meiner künstlerischen Vision wäre mir viel zu hoch, sodass ich die Synchro selbst übernehmen würde. Ja, ich glaube, dass sich die Synchro-Branche extrem verkleinern wird. Die Ursprungsvision des Werkes kann einfach besser beibehalten werden. Deutschland ist ein enormer Synchro-Markt, und hier wird die Entwicklung schleppender sein, aber meiner Meinung nach dennoch nicht aufgehalten werden können. Trotzdem glaube ich an das Recht an der eigenen Stimme. Und dennoch wird es vermutlich so kommen. Wer in absehbarer Zukunft ein echtes Filmerlebnis haben möchte, der schaut eben die Filme im Originalton. Auch das birgt enorme Möglichkeiten. Zu wissen, ich kann auch Filme in Deutschland, auf Deutsch produzieren, und sie nach Sprachanpassung in die gesamte Welt verkaufen. Das kann innerhalb weniger Jahrzehnte einen neuen internationalen Filmmarkt in Deutschland etablieren, abseits von internationalen Ko-Produktionen und Landes-bezogenen Filmförderungen, aber das noch weiter zu erläutern, würde hier den Rahmen sprengen.

Das, was man in dem oben genannten Zusammenhang immer wieder liest, ist, dass die Künstler protestieren, ihre Werke und Visionen nie für das Anlernen von KI-Inhalten produziert und genehmigt zu haben. Ich verstehe, was damit gemeint ist und dennoch sind diese Anmerkungen ambivalent. Jeder Künstler lernt durch die Arbeit anderer. Musiker setzen sich erst mit Werken von bereits etablierten Musikern auseinander, ehe sie sie zu spielen lernen und aus diesem Wissen neue Kunst formen. Bei Malern ist es genauso. In jedem guten Kunstmuseum sieht man junge Maler, die vor inspirierenden Werken sitzen und sie nachskizzieren. Nur dadurch lernt der Künstler. Durch das genaue Auseinandersetzen mit der bereits existierenden Kunst. Das ist in Schulen nicht anders. Im Deutschunterricht analysiert man Gedichte und soll anschließend im gleichen Stil der Vorlage sein eigenes schreiben. Im Germanistikstudium geht es weiter mit lesen und lesen. Gerade in Literatur. Nur, wer viel gelesen hat, kann auch ein guter Literat sein. Dabei festigt sich die künstlerische Sicht nur durch Betrachten, Analyse und Weiterentwicklung. Das war schon immer so und anders geht es auch nicht. Warum sollte ein KI-Programm denn anders lernen? Das, was den Künstler dabei von dem Programm unterscheidet, ist die Aussage hinter der Kunst. Der Künstler möchte sich ausdrücken, das Programm geht einem Ausdruck nach, der der höchsten Wahrscheinlichkeit des bereits Existierendem entspricht. Da haben wir doch unsere Abgrenzung von der ganzen Thematik. Ich glaube fest an das Urheberrecht. Für mich das vermutlich wichtigste Recht, das den größten Bezug zu meinem Leben hat. Aber auch dieses erlischt nach 70 Jahren nach dem Tod des Künstlers und das ist gut so. Jeder Mensch hat in meinen Augen die Pflicht, die Gesellschaft mit seinem Beitrag weiter nach vorne zu bringen. Künstler tun das durch ihre Kunst. Im besten Fall wird sie ihnen zugeschrieben. Wir Menschen mögen nun einmal Anerkennung. Doch ab dem Zeitpunkt, an dem wir Kunst nach außen tragen, gehört sie uns nicht mehr. Sie verselbstständigt sich, kann inspirieren und Teil etwas anderes werden, ob wir wollen oder nicht. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Kunst hat in unserer Welt immer noch Gewicht. Also sollte zumindest unsere Absicht dahinter eine gute sein.

“Wer braucht denn heutzutage noch einen Fotografen?”
Wenn es darum geht, einen erlebten Moment für sich festzuhalten und es reicht dafür schon ein Handybild, dann braucht dieser jemand keinen Fotografen. Wenn es aber darum geht, zu bemerken, wie andere Menschen einen sehen, so sollte jeder einen Fotografen kennen, der ihn porträtieren kann und zwar mehrmals im Leben.
Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung gehen in unserer Social-Media-Vergleichs-Welt mittlerweile so unfassbar stark auseinander, dass es gut tuen kann, wenn man durch die Augen eines anderen sieht, was an uns schön ist. Dafür muss nicht der Gang ins Fotostudio gemacht werden. Dafür reicht es schon, sich im Alltag, mutig und verletzlich, einfach mal so vor eine Kamera zu stellen und dem Fotografen zu vertrauen, dass er einen nicht mit all den Fehlern sehen wird, die man an sich selber ausmachen möchte. Ich kenne eine Frau, die sich an jedem neuen Geburtstag porträtieren lässt um ihren Lebenswandel zu dokumentieren und das Ergebnis ist ein Fotoalbum ihres Lebens, mit Höhen und Tiefen aber mit einer enormen Kraft und Freude im Blick. Das Dokumentieren ist eine tolle Möglichkeit von Fotografie. Gerade Events, die man selbst gestaltet und erlebt, kann man schlecht eigenmächtig dokumentieren. Ich kenne keine Braut, die kurz vor dem Jawort noch kurz ihr Handy hebt, um diesen Moment festzuhalten. Das würde ihr die Besonderheit dessen vermutlich ach vollständig nehmen. Solche Momente sollte man ausschließlich mit dem Herzen fotografieren und sich im Nachgang darüber erfreuen, dass ein anderer, davon noch eine Erinnerung festgehalten hat, an der man sich erfreuen kann. Eventfotografen werden meiner Meinung nach nie ersetzt werden, weil einfach keine KI spüren kann, wann ein Augenblick es wert ist, den Knopf auch wirklich runterzudrücken. Es geht dabei nie um Perfektion. Es geht immer nur um Emotionen. Siehe auch hierzu den Beitrag “Perfekt Unperfekt”.
Ist KI in der Fotografie denn jetzt nur nichtig? Nein, ich selbst nutze sie im Bearbeitungsprogramm, um störende Elemente zu entfernen. Ich kann sowas auch händisch, nur ist es so schneller. Auch kann ein Bilderweiterung eine tolles Foto noch retten. Wenn die Sitze des Eifelturms nicht mehr auf den Sensor gepasst hat, bin ich den Programmentwicklern einfach zu großem Dank verpflichtet. Selbstbestimmte Bildgenerierung ist auch nichts anderes als ein künstlerisches Werkzeug, das man wie ein Instrument erst einmal erlernen muss, bis man die Ergebnisse erzielen kann, die man sich erträumt hat. Bei der künstlerischen Wandgestaltung ist es ggf. etwas anders. Jeder kann sich sein Kunstwerk selbst generieren nur ist es hier auch wie oben schon beschrieben. Menschen, die etwas Echtes suchen, werden immer bereit sein, die Fotografie des Fotografen zu kaufen, die ihnen eine Geschichte erzählen kann. Und es passieren jeden Tag so unfassbar viele Geschichten, die man festhalten sollte. Daher höre ich jetzt auf zu schreiben, greif mir meine Kamera und geh raus. Tschau!

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der zauber des gedruckten bildes