Perfekt unperfekt
Die neue Hasselblad X2D II 100C ist wohl eine der perfektesten Kameras, die man derzeit auf dem Fotomarkt erwerben kann, vorausgesetzt man hat das nötige Eigenkapital und verzichtet lieber auf die neue Einbauküche oder das neue Auto oder eben auf sonst noch alles, was man für 11.000,00 Euro plus kaufen könnte. Entscheidet man sich dann nach reiflicher Überlegung dennoch für die Kamera, so ist einem technische Brillanz garantiert. Für sein Geld bekommt man nicht nur gestochen scharfe Fotos, sondern auch einen 100 Megapixel Sensor zum Croppen sowie eine Farbwiedergabe, die ihres Gleichen sucht. Kurz gesagt, eine bessere Kamera gibt es für viele nicht. Macht man dadurch jedoch einfach so bessere Fotos? Technisch ja, emotional gesehen nein.
Jemand, der weiß, worauf er achten muss, würde mit jeder Kamera ein gutes Foto schießen können, egal ob 100 Euro wert oder mehrere Tausend. Soviel erst einmal dazu, wir werden auf diesem Blog früher oder später sicherlich auch einmal über Equipment sprechen.
Vielleicht befassen wir uns eher einmal damit, was ein gutes Foto eigentlich ausmacht.
Für mich muss ein gutes Foto dafür sorgen, dass ich es mir mehrere Sekunden lang anschauen möchte.
Für mich ist hier die Fünf-Sekunden-Regel ein passendes Beispiel. Vor allem bei der Bildauswahl nach einem Fotojob ist sie ein Segen. Jedes Foto, dass mein Interesse keine fünf Sekunden lang halten kann (oder noch verstärkt), wird zumindest vorerst in den Ordner mit den aussortierten Fotos verschoben.
Manchmal passiert es, dass ich zu dem Ordner für den zweiten Klick zurückkehre und dennoch etwas übersehen habe, in der Regel greifen die fünf Sekunden aber sehr, sehr gut. Ein für mich gutes Foto muss also mein Interesse wecken, es halten können und im besten Fall sogar noch verstärken. Wenn das der Fall ist, können aus pisseligen fünf Sekunden auch mal gut mehrere Minuten wenn nicht sogar Stunden werden. Wenn das der Fall ist, dann haben wir tatsächlich ein gutes Foto. Und dabei ist es wirklich ganz egal, ob das Foto technisch brillant ist, technisch “richtig” aufgenommen wurde oder die bestmögliche Auflösung besitzt. Wenn das Abgebildete wie oben beschrieben mit meinem Interesse spielt, dann ist mir die Technik dahinter vollkommen egal. Dann kann das Foto auch Opa Werner mit seiner kleinen 12 Megapixel Kompaktkamera geschossen haben, es ist und bleibt ein gutes Foto. Wenn die Basis stimmt, dann ist es wie bei einem guten Song, bei dem man das gesamte Arrangement weglässt. Wenn man das Lied dann noch gut alleine singen kann, ist es ein guter Song.
Ein Foto muss nicht mit wertvollen Dingen produziert worden sein oder von Leuten, die sich als äußerst wertvoll erachten, um einen gewissen Wert zu haben . Am besten kann man das noch einmal an einem Beispiel von Opa Werner erklären.
Stellen wir uns vor, die Nichte von Opa Werner heiratet ihre Jugendliebe an einem leichten Frühlingstag im Mai. Es sind ca. 60 Leute eingeladen und der Tag sieht erst die standesamtliche Trauung mit anschließendem Sektempfang und Fotoshooting vor und ab Nachmittag die freie Trauung mit Party in einer angrenzenden Location. Für diesen besonderen Tag wurde extra ein professioneller Hochzeitsfotograf gebucht, der auf Wunsch des Brautpaares der einzige Gast sein soll, der fotografiert. Alle anderen Gäste sind dazu angehalten, den Tag mitzufeiern und zu genießen. Nur Opa Werner fotografiert fröhlich mit drauf los und so lange, bis seine 2-GB-Karte es mitmacht. Im Anschluss an die Hochzeit fällt dem Fotografen schließlich auf, dass seine Speicherkarten versehentlich fehlerhaft konvertiert wurden und alle Fotos der Hochzeit gelöscht sind. (Soll es alles schon gegeben haben.)
Da sich alle Gäste an die Vorgabe des Brautpaares gehalten haben, hat niemand mit seinem Handy auch nur einen einzigen Moment des Tages eingefangen. Zumindest niemand bis auf Opa Werner.
In solchen Fällen ist es komplett egal, dass Opas kleine Kompakte nur verwaschene Farben einfangen kann und die Fotos nicht nur rauschen sondern überwiegend unscharf sind. Diese wenigen Fotos werden anschließend die Hochzeitsfotos sein, die ausgedruckt, aufgestellt und rumgeschickt werden und die, die man immer wieder zur Hand nimmt, wenn man sich über den vergangenen Tag freuen möchte. Im Grunde ist es egal in welcher Qualität ein Foto aufgenommen wurde. Wenn es das einzige ist, dann ist es perfekt, selbst wenn es unperfekt ist.
Wenn ich jetzt aber dennoch die bestmögliche, technische Voraussetzung für ein Foto erfülle, wieso ist das Unperfekte manchmal besser als das Perfekte?
Gerne würde ich es mit einem Synonym versuchen. Perfekt kann in der Welt der Fotografie häufig mit steril verglichen werden. Und steril bedeutet in vielen Fällen nichts anderes als leblos oder emotionslos. Was den Menschen jedoch ausmacht, sind Emotionen. Ein Foto, das das nicht zeigen kann, läuft Gefahr, belanglos zu werden. Wie in jeder Kunstform, liegt auch in der Fotografie das Urteil darüber im Auge des Betrachters, und es wird Menschen geben, die dasselbe Foto einmal als Kunst und einmal als wertlos bezeichnen würden. Bricht ein Motiv jedoch mit den geltenden Konventionen, ist eine Bewegung z.B. nur halb eingefroren, ist das Bildrauschen zu stark, weil die Szenerie zu dunkel war, oder sind zu viele Schatten im Bild, ja dann erst fangen wir wirklich an, etwas auf Fotos zu fühlen. Kein Mensch möchte Fotos in seinem Alltag haben, die nur sterile Gefühle vermitteln, dies sollte Behörden und Praxen oder Kanzleien vorbehalten bleiben. Wenn es um unseren Alltag geht, um unser tägliches Sein, in dem eh nichts immer perfekt läuft, ist das Unperfekte deutlich greifbarer, deutlich verständlicher und deutlich emotionaler.